2012-06-05 02:20:58

Pünktlich um 7.00Uhr ging es quer durch die Stadt zum Busbahnhof von Santa Cruz. Frei getreu dem Motto: Information ist alles, werden wir hier zu drei unterschiedlichen Abfahrtsorten geführt. Ein wenig chaotisch wirkte das schon. Doch egal, denn jetzt kommt das, worauf wir uns seit Monaten freuen. Unsere erste Tour durch das üppig grüne Hinterland Boliviens. Wild, unberührt und von einem saftigen Grün geprägt.

Wir lassen uns auf der staubigen Landstraße in Ivirgazama rausschmeißen. Wir befinden uns dabei quasi mitten im Nirgendwo, um uns herum nichts als dichte Urwaldlandschaft, die eine Straße und eben dieses Dorf, wo es „bastantes taxis“ geben soll…ein paar Einheimische an ihren Straßenständen beäugen uns skeptisch und geben dann doch Auskunft, wo denn all die Taxis sind hier in der Einöde. Noch sind es 20 km bis nach Pueto Villarroell. An dem improvisierten Taxistand angekommen, wird Ina von einem Herrn Mitte 20 gefragt: „Television, Television???“. Wir denken er spielt auf unsere außergewöhnliche Gepäckmenge an und verneinen schmunzelnd. Nein, wir sind nicht vom Fernsehen.(„No somos de la Television“.)

In PV angekommen versuchen wir unseren Kontaktmann Grover noch einmal telefonisch zu erreichen und bemerken: Kein Empfang!! Nicht umsonst ist es PV, hinter dessen Sackgasse der Amazonasdschungel wartet. Wir schauen uns um, sehen ein paar Bars und Restaurants, Hunde die auf der Straße schlafen und alte Leute, die unter Bäumen und auf Parkbänken in den Tag blicken. Wir hoffen insgeheim, das unser Hotel „La Pascana“ in einem besseren Zustand ist, wie das Durchschnittshaus hier. Der Anblick ist zunächst irreal wie aus einem Buch: Eine staubige Straße, links und rechts davon Hütten aus Holz und Metalldächern, unten drunter Stühle und Tische aus Plastik (= Bars), an den Ecken stehen Frauen in typischer Kleidung und kochen auf offenen Herden und preisen ihre Ware an, viele kleine Läden bieten den Kram an, den man alltäglich braucht….der Blick die Straße runter endet am breiten Fluss, dahinter erwächst die grüne Wildnis, ein paar Fischerboote auf dem Fluss bei der Arbeit….das Dorf ist winzig und außerhalb der Hauptstraße und paar Hütten wächst der Dschungel. Wann und wo treffen wir jetzt genau Grover? Wo ist unser Hotel? Zwei drängende Fragen. Nach dem wir auf der Suche nach einem Telefon fündig geworden sind stecken wir mit dem Kopf dermaßen in der Orga, dass uns vollkommen entgeht, dass auf einem kleinen Schild an der Bar mit unserem Telefon „La Pascana“ steht. Na, herzlich willkommen! Die Zeit drängt, schließlich warten schon die Kids in der Schule auf uns. Also noch schnell das Zimmer gecheckt: Ein ordentlicher Bretterverschlag mit zwei Betten, zwei Mosquitonetze, 5qm – Super.

Auf dem Weg zur Schule sehen wir einen Jungen mit einem CEIISA T-Shirt – unserem Projektpartner. „Wo ist hier die Schule“, fragen wir. „Direkt hier, kommt mit“. Wer wir sind, weiß sicher schon jedermann hier. Obwohl es hier schon „ touristischer“ sein soll, ist der Begriff weit dehnbar und als Europäer fällt man definitiv auf. Und so erwartet uns am Eingangstor dasselbe Gesicht, welches uns schon in Ivirgazama fragte: „Television, Television??“. „Grover?“ „Si!“. „Sascha y Ina de Television?.“ „Si“. Alle drei müssen heftig über dieses Missverständnis schmunzeln… Da ist er wieder, dieser Moment. Wir treffen neue uns noch unbekannte Designer, die von einer anderen Kultur, Umfeld, Religion und Sprache geprägt sind. Mit ihnen müssen wir in wenigen Tagen unser Riesen-T-Shirt realisieren, egal wie. Adrenalin und Vorfreude stehen gemeinsam an der Klippe.

Im Klassenzimmer erwarten uns 25 freundlich dreinblickende und sehr lebendige Kids. Ina übersetzt meine ungezwungene TC-Vorstellung ins Spanische und wir merken schnell, das wir ein gutes Level mir den Kids haben. Es wird gelacht, aufmerksam zugehört und Fragen in beiderlei Richtung gestellt. Ich liebe diesen Moment! Um es Grover, dem Schuldirektor und den Kids noch einmal klar deutlich zu machen, lasse ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch von Ina noch einmal übersetzen, dass wir jetzt noch über eine Woche hier sind, und wir jeden Tag mit den Kids Projektarbeit machen möchten. Alle außer Ina und mir gucken sehr verwundert und skeptisch drein. Boom! Da ist er, dieser andere Moment. Trotz monatelanger sorgfältiger Planung im Vorfeld sind diese organisatorischen Missverständnisse leider anscheinend nicht ganz auszuschließen. „Die Ganze Woche?“, fragt der Direktor. „Aber da sind die Kids in der Schule und die Räume belegt!“. Den Moment nach dieser Aussage gönne ich niemandem! Kein Ort? Keine Zeit? Und was jetzt? Das Selbe wie immer. Gelassen bleiben, neu Planen und improvisieren. Das TC-Überlebenstool Nr. 1. Nach 15 Min. Orga-Dialog vor der gesamten Klasse ist dann aber auch das geschafft. Die Kids stellen sich anschließend etwas schüchtern vor und sind dann gespannt auf das, was wir ihnen zu zeigen haben. „Bisher haben wir Kollektion für unseren Shop gemacht, mit euch haben wir besonderes vor.“ Wir erklären Ihnen unsere Rio+20 Idee und die Spannung wie Lautstärke unter den Kids steigt. Es werden Tische verschoben, auf Stühle gestiegen. Ich schnappe mir zwei Kids und wir entpacken diesen riesigen weißen Stoffhaufen. Während auch wir mal wieder über unser Prachtstück schmunzeln müssen, sind die Kids einfach nur baff. Wir zeigen Ihnen die Leere für Ihr Design bestimmte Fläche und die Stimmung ist ausgelassen. Mit der guten Laune im Gepäck, haben wir Grover dann erklärt, das wir gerne ein Brainstorming mir den Kids machen würden, um so Schritt für Schritt von der Thematik der „ökologischen Kinderrechte“ auch zu Motiven zu kommen. Geprägt von der massiven Pestizid -Problematik welche hier vorherrscht, habe wir also die ersten Motive zu diesem Thema erhalten. Viele Spraykanister, Totenköpfe, kotzende Menschen und vergiftete Flüsse und gefährdete, schwangere Frauen. Wir sind beeindruckt, wieviel Wissen bei den Kids zu dieser Problematik vorhanden ist.

Der erste Durchgang an Bildern ist fertig. Die Kids, die mit Ihren Bildern schon fertig sind, reißen sich um unsere mitgebrachten T-Shirts aus der Indien-Kollektion und Posen nun; was das Zeug hält. Ein herrlicher Moment:..

Es ist nun 17.00Uhr und wir sind ausgelaugt. Wir haben kaum etwas getrunken und noch nicht gegessen. Wir verabschieden uns mit einem kollektiven Applaus und einem lauten „Muchas Gracias. Hasta Manana“. Das Abendessen – endlich! – verbringen wir noch gemeinsam mit Grover in einer der Cabanas direkt am Fluss. Fisch steht auf dem Speiseplan und wir stimmen eifrig zu. Es schmeckt köstlich, bis Grober ansetzt, zusagen, dass es kein richtiger Fisch ist, den wir essen, er hätte eine andere Haut und keine Kiemen….Ina versucht angesichts der unbekannten Essgewohnheiten herauszubekommen, was genau Surubi sei…wenn kein Fisch, was dann…??? Es dauert bis zum nächsten Tag, bis wir wissen: Aal ist eines unserer neuen Lieblingsgerichte.

PS: Es regnet und blitzt gerade. Ergo der Bildupload funktioniert nicht mehr…